Von der BE-lastung zur ENT-lastung

Vor Jahren mal hatte ich ein Schlüsselerlebnis in meiner Karriere als Mutter.  Völlig erschöpft starrte ich auf den Bildschirm, wo in einer Sendung eine Mutter vollkommen glücklich behauptete, Kinder seien doch um Gottes willen keine Belastung. Da ich leider dazu neige, jede Aussage auf dieser Welt mit meiner Wahrheit zu vergleichen, bekam ich sofort Bauchgrummeln. Wie kann die Frau behaupten, Kinder seien keine Belastung, während ich völlig fertig daniederliege und sie teilweise weit weg wünsche???   Natürlich habe ich Schuldgefühle deswegen. Trotzdem bin ich völlig fertig.

 

Die Jahre gingen dahin, doch diese Bild blieb im Kopf. Immer wieder hinterfragte ich diese Frau und ihre Aussage, beobachtete mich und glückliche Mütter. Entweder logen die alle, oder es gibt wirklich ein Geheimnis? Vielleicht bin ich einfach nicht fürs Muttersein gedacht? Irgendwie habe ich mir das alles anders vorgestellt.

 

Aber wie kam das alles?

 

Meine liebe Tochter verweigerte von Anfang an den Schnuller. Gut, Mama hat sich ja erkundigt, Schnuller sind ja ohnehin nicht das Gelbe vom Ei. Stillen ist gut, sagen auch die Frauen  in der Stillambulanz. Also stillen, trotz wunder Brustwarzen und Blut, am liebsten hätte ich beim Anlegen geschrien. Aber Mama hält das aus, natürlich. Ich bin ja schwer verliebt in mein Mädchen.
Im Kinderwagen liegen mag sie auch nicht. Macht nix, ist eh nicht so natürlich. Tragen ist besser. Tragetuch rum und los geht´s. Da ist der Weg zur Brust auch nicht so weit.  🙂
Am Abend schlafen wir dann stillend im Familienbett ein und sind rundherum  glücklich erledigt.

 

Papa arbeitet viel, nebenbei bauen wir unser Haus, und ich bin wieder schwanger. Schnell noch einziehen, bevor Nr. 2 zur Welt kommt. Die Geburt von Nr. 1 war nicht ganz so prickelnd mit ihren 23,5h Wehen, so bereiteten wir uns diesmal auf eine Hausgeburt vor. Das war auch alles prima, nur dass die Hausgeburtshebamme uns im Stich ließ, mit den Worten: Ich solle ins Krankenhaus fahren, sonst höre ich nie auf mit dem Steckdosen montieren. Also noch schnell die Große gestillt und ins Bett gebracht, und ab ins Krankenhaus.
Nr. 2 nimmt natürlich auch keinen Schnuller, trotz schiefer Blicke der Säuglingsschwestern ob meiner Versuche. Der Kleine ist überhaupt sehr aktiv. Besonders beim Schreien. Dafür riecht er so fabelhaft gut nach Baby. Oh, dieser Duft…

 

Im halbfertigen Haus gibt es viel zu tun. Die Böden gehören erst gelegt, die Küchenkästchen vom Ikea geholt und zusammengeschraubt. (Ich bin Ikea-Möbel-montier-Profi!).
Als Nr. 2 drei Monate alt ist, steige ich wieder in meinen Job ein und es tut mir echt gut, nach 2 Jahren Karenz wieder raus zu kommen.

 

Da höre ich von einer neuen Studienrichtung, die interessiert mich unheimlich sehr. Nachdem es ein Aufnahmeverfahren gibt, kann ich mich ja mal bewerben. Wenn sie mich nicht nehmen, hab ich nichts zu bereuen.
Blöderweise hab ich dieses Studium dann auch noch gemacht und 4 Jahre später auch abgeschlossen.

 

So ging es die ganze Zeit dahin. Und mitten drin immer wieder diese glückliche Frau mit ihren „entlastenden“ Kindern. Wie macht die das bloß… Ich will ja auch einfach nur glücklich sein mit meinen zuckersüßen Kindern. Tatsache ist aber, das ich kaum Nerven für sie habe. Extrem lärmempfindlich bin ich, ständig müde, ausgelaugt und 10000 Dinge im Kopf, die heute noch erledigt werden müssen. Statt glücklicher wurde ich immer unglücklicher.

 

Warum das so war, konnte ich in der Situation selbst gar nicht erkennen. Ich tat ohnehin alles, damit unser Leben möglichst perfekt ist.

 

Heute, 7 Jahre später, weiß ich verdammt viel. Heute könnte ICH in dieser Sendung behaupten, Kinder seien keine Belastung. Heute, weiß ich nämlich, was ich damals alles falsch gemacht habe. Ja, vor lauter gut meinen, und alles richtig machen, und im Außen gut dastehen tatsächlich alles falsch gemacht habe.

 

Ich hab mir nämlich nicht die Zeit genommen, meine Kinder richtig zu genießen. So echt und richtig. Nicht nur im Vorbei-denken, sondern so echt, mit mehreren Stunden am Stück präsent sein. Im Kopf präsent sein, da sein, anwesend sein, zu 100%. Nicht nur körperlich. Auch geistig. An nichts Anderes denken als an das, was ich gerade tue. Nämlich mit den Kindern zusammensein.

 

Alle Gedanken, alle Vorhaben, alle Sorgen und Belastungen, alle To-do´s aus dem Gehirn verbannen. Gedanklich nicht ganz woanders zu sein, während mir mein Kind sein schönstes Regenbogenbild zeigt, war für mich anfangs eine enorme Herausforderung.  Allerdings eine, die sich echt lohnte.

 

Ich kann das, was war nicht mehr ändern. Aber ich kann versuchen, es besser zu machen. So blieb ich nach 2 Jahren arbeiten wieder bei meinen Kindern zuhause, schrieb noch in Ruhe meine Masterthese und reduzierte anschließend jegliche Ablenkung gegen Null. Das musste so sein, um endlich ein Team zu werden.
Ja, dazwischen wurde mir schon wieder etwas langweilig im Kopf. So ging ich wieder zwei Jahre arbeiten, reduzierte hier meine Stunden aber auf ein Minimum. Ich kann nicht leugnen, dass es gut tun, im Beruf gefordert zu sein. Immerhin mach ich meinen Job echt gern.

 

Irgendwann in dieser Zeit merkte ich aber, dass mir das Haus und der ganze Besitz nichts bedeuten. Sie machen mich nicht glücklicher. Sehr traurig finde ich, dass ich eine Zeit lang meine Kinder unter Verdacht hatte. Dabei waren es bloß die Umstände.

 

Was mich definitiv glücklich macht, ist Quality-Time mit meinen Kindern. Möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen, in der ich nichts anderes mache, als bei ihnen zu sein. Physisch und Psychisch. Nichts anderes, nur wir. (Und der Regenbogen, den wir gerade zusammen malen)

 

Das ist unheimlich entlastend.

 

Das heißt nicht, dass wir rund um die Uhr zusammen sind. Ok, eigentlich doch, wenn ich so nachdenke. Trotzdem spielen Freunde und eigene Erkundungen eine sehr große Rolle. Und das ist auch gut so. Wenn sie denn dann aber bei mir sind, gehört ihnen 100% meiner Aufmerksamkeit.

 

Letztendlich habe ich beschlossen, unser Leben komplett umzukrempeln. Wir sind noch nicht fertig damit. Auch wir sind auf der „Reise“. Eines ist allerdings sicher, Nerven sind da jetzt genug!
Ich hab sogar noch welche in Reserve. Für Notzeiten sozusagen.

 

Ich bin so unendlich dankbar, diese Frau damals im Fernsehen gesehen zu haben. Heute kann ich ehrlich behaupten,
meine Kinder sind keine Belastung für mich.

 

Ich kenne aber auch die andere Seite. Die, über die nie jemand redet. Macht man ja nicht 😉 Also pssst …

 

Deine

Kerstin samt Kids

[sgmb id=“1″]

Nach oben

Danke fürs Teilen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.